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Die Binzer Bucht, 23. Juni 2021

Fürst Malte

ein Portrait

Ein bisschen Atem braucht man schon, um das Jagdschloß Granitz zu erkunden. Zuerst geht es den etwa 107 Meter hohen Tempelberg hinauf. Hoch oben, umgeben von den Bäumen der Granitz, steht das Schloss. Gut, den Berg schafft man zur Not auch mit der Elektrobahn, der sogenannte „Jagdschlossexpress“ fährt regelmäßig von Binz ab (u.a. von der Seebrücke). Aber um bis auf die Spitze des Turmes zu gelangen, ist, wie gesagt, ein wenig Puste nötig. Immerhin sind es 154 Stufen, die nach oben führen. Es lohnt sich, schon wegen der Wendeltreppe. Sie ist eine gusseiserne Attraktion, eingelassen in die Wände des Turmes. Durch die Ornamente in den Stufen blickt man in die Tiefe. Schwindelfrei sollte der Besucher schon sein. Erst recht, wenn er oben steht. Dann präsentiert sich ihm ein überwältigender Rundblick: Die Halbinseln Jasmund und Wittow sind im Nordwesten zu erkennen, Stralsund grüßt im Westen. Sogar die Nachbarinseln Hiddensee und Usedom erstrahlen bei schönem Wetter in der Ferne. Und schönes Wetter ist ja auf Rügen fast immer! Der Turm steht im Zentrum des von vier kleineren Ecktürmen markierten quadratischen Grundrisses des Schlosses. Erbaut wurde es zwischen 1837 und 1851 für den bekanntesten Rügener Adligen, Wilhelm Malte I. Es repräsentiert die Stein gewordenen Jagdleidenschaft des Fürsten. Das Jagdschloss ist ein im Stil der norditalienischen Renaissance erbautes Gebäude, mit Anleihen an die mittelalterliche Romantik. Erbaut wurde es von Johann Gottfried Steinmeyer. Kein Geringerer als der damalige preußische König Wilhelm IV. gab Anregungen zur Architektur des Hauses. Er war es auch, der den berühmten Berliner Baumeister Karl Friedrich Schinkel nach Rügen empfahl. Der ließ sich nicht lange bitten und entwarf den – im wahrsten Sinne des Wortes – überragenden Turm. Das Schloss hat es in sich, dies ebenfalls im wahrsten Sinne des Wortes. Das Interieur zeigt den (teuren) Geschmack des einstigen Jagdherren. Öffentlich zugänglich sind das Speisezimmer, das Empfangszimmer, der Damensalon und der Marmorsaal. Mit bunten Kacheln bedeckte Wände, mit Edelhölzern verziert, dazu Stuckdecken und ausladende, wallende Portiere bilden den prachtvollen Rahmen für die so sehenswerten, wie einmaligen Prunkstücke der herrschaftlichen Innenausstattung. Dazu zählen die Ahnengalerie derer zu Putbus, die Waffenschau oder die stattlichen Jagdtrophäen. Auch das Mobiliar – wie etwa die aus Geweihen gefertigten Stühle, Tische oder Kronleuchter und die meisterlich gearbeiteten, mit kunstvollen Intarsien belegten Schränke und Truhen – unterstreichen den exquisiten Stil des Fürsten. Er zeigt sich auch in dem glanzvollen, mit üppigen Ornamenten verzierten Himmelbett, in dem das adlige Paar wahrhaftig paradiesisch geschlummert haben muss. Eine weitere Attraktion ist die Ritterrüstung im Marmorsaal – die allerdings gar keine ist. Erst bei näherem Hinsehen erkennt man ihre eigentliche Bestimmung: Es ist ein Ofen. Auf einem Postament stehend, in welchem das Holz und die Kohlen brannten, zog der Qualm durch Beine und Brustharnisch in den Helm, wo er entweichen konnte. Kein Raub- aber ein Rauchritter. Was Wunder, das seinerzeit sogar der preußische König diesem besonderen Bau einen Besuch abstattete, im Gefolge den sächsischen König. Auch Otto von Bismarck ließ es sich nicht nehmen, den Luxus des Schlosses leibhaftig zu bewundern. Heutzutage muss man keineswegs von blaublütiger Abstammung sein, um Zugang zum Schloss zu erhalten. Es steht an fest allen Tagen des Jahres jedem Besucher offen. Die Vielzahl der besonderen Ausstellungstücke erlebt man am besten bei einer der zahlreichen Führungen. Insbesondere die Dauerausstellung „In bester Gesellschaft“, die das Leben der Fürstenfamilie dokumentiert. Leider sind im Laufe der Zeit und besonders durch den II. Weltkrieg viele ursprüngliche Einrichtungsgegenstände verloren gegangen. Einiges konnte wiederbeschafft werden, anderes wurde in Zusammenarbeit mit Kunsthistorikern originalgetreu nachgestaltet. So etwa das so genannte Dekorationsgewebe aus den Jahren um 1880. Nach einer umfassenden Restaurierung, präsentiert sich der herrschaftliche Hochsitz heute wieder in bester Verfassung.  Und wer will, kann sogar fürstlich speisen – ein Restaurant im Kellergeschoss des Jagdschloß Granitz erwartet Ihren Besuch.

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Du kennst die Binzer Bucht durch und durch, zu Land und zu Wasser. Mit allen Ecken und Kanten, Geheimnissen und Schokoladenseiten. Was gibt es also Besseres, als den Reiseführer mal in der Tasche zu lassen und alles über Binz und die Nachbarschaft im O-Ton zu erfahren? Für einen Klönschnack sind die Inselbewohner immer zu haben. Du auch?